#everynamecounts
DOI: 10.18716/ride.a.21.1
Abstract
#everynamecounts is the largest crowdsourcing initiative of the Arolsen Archives - International Center on Nazi Persecution. Since 2020, more than 170,000 volunteers have been recording more than 7 million digitized index cards and lists in a structured way. The platform provides an outstanding digital process that is well thought out and optimized down to the smallest detail. As compelling as the crowdsourcing aspect is, it is difficult to evaluate #everynamecounts as a text or data edition: So far, the project website does not provide access to the research data generated by the volunteers. The reviewer is also not aware of any research project based on the results of #everynamecounts. It is to be hoped that this impressive ‘digital memorial’ will not only remain an educational and outreach project that provides the general public with direct access to historical sources in order to gain a first-hand understanding of the murderous system of the National Socialists rule, but will also form a comprehensive basis for innovative, data-driven research.
Das Online-Archiv der Arolsen Archives
#everynamecounts ist die teilnehmerstärkste Crowdsourcing-Initiative der Arolsen Archives, dem internationalen Zentrum über NS-Verfolgung.* Das Archiv bewahrt die weltweit umfassendste Dokumentensammlung über die Opfer des Nationalsozialismus und gehört heute zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.* Herzstück der Sammlung ist eine zentrale Namenkartei von circa 50 Millionen Karteikarten mit Hinweisen auf das Schicksal von über 17,5 Millionen Personen. Im Projekt wurden seit 2020 mehr als 7 Millionen digitalisierte Karteikarten und Listen von über 170.000 Freiwilligen aus aller Welt strukturiert erfasst.* Ziel ist sowohl eine bessere Durchsuchbarkeit und Sichtbarkeit der Bestände, als auch – so die Projektverantwortlichen als Motivation zur Teilnahme – ein digitales Denkmal für die Verfolgten des Nationalsozialismus.*
Die Ursprünge der Arolsen Archives, bis 2019 als International Tracing Service (ITS) bekannt, reichen ins Jahr 1943 zurück, als die anglo-amerikanischen Verbündeten in London eine Einrichtung mit dem Ziel, Informationen über vermisste und verschleppte Personen zu sammeln, gründeten.* Nach Kriegsende wurde der Sitz Anfang 1946 ins nordhessische Arolsen verlegt. Von 1955 bis Ende 2012 leitete das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) den Suchdienst unter der Aufsicht eines internationalen Komitees aus elf Ländern. In dieser Zeit hat sich die Rolle der Einrichtung stark gewandelt: Standen anfangs Suchanfragen nach vermissten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit dem Ziel der Familienzusammenführung im Zentrum der Arbeit, wurde die Einrichtung in den Folgejahren zunehmend zur Anlaufstelle für Wiedergutmachungsbehörden, Anwält:innen, Gerichte und Angehörige, die Beurkundungen von Todesfällen beantragten oder Dokumente für Einbürgerungsfragen oder Rentenanträge benötigten.
Der Ruf nach Öffnung der Opferakten auch für die Forschung, insbesondere aus den USA, wurde zu Beginn der Nuller-Jahre zunächst kontrovers diskutiert. So bezeichnete der Berliner Historiker Wolfgang Benz im März 2006 die Vorstellung, unter anderem von KZ-Bürokraten verfasste Dokumente „weltweit und 24 Stunden am Tag abfragbar“ im Internet bereitzustellen, als absurd (Kellerhoff 2006). Nur wenige Monate später wurde jedoch ein Änderungsprotokoll verfasst, das das Archiv für die Forschung öffnete.* Darin wurde auch jedem Mitgliedstaat eine digitale Kopie des Datenbestandes zugesprochen, wobei damals in der Presseerklärung des Auswärtigen Amts noch explizit versichert wurde: „Es erfolgt keine Einstellung in das Internet. Die Mitgliedstaaten achten besonders auf den Schutz persönlicher Daten“ (N.N. 2006).
Mit dieser Öffnung wandelte sich der ITS von einem Dienst zur Vermisstensuche und Schicksalsklärung hin zu einem einzigartigen „Denkmal aus Papier“* in Form eines Archivs. Das 2016 in Kraft getretene Übereinkommen vom 9. Dezember 2011 über den internationalen Suchdienst fügte den Interessen der in den Akten genannten Personen und ihren Angehörigen gleichberechtigt die Förderung von Forschung und Wissen hinzu.* Was 2006 noch ‚absurd‘ erschien – der weltweite Zugriff auf Opferakten rund um die Uhr – wurde mit dem seit 2015 sukzessiv erweiterten Online-Archiv zunehmend zur Realität* und bildete so 14 Jahre später die inhaltliche Grundlage der Crowdsourcing-Initiative #everynamecounts.
Die Crowdsourcing-Initiative #everynamecounts
#everynamecounts wurde im Januar 2020 noch unter dem deutschen Hashtag #JederNamezählt auf der Zooniverse-Plattform gestartet.* Anlässlich des Holocaust-Gedenktages wurden in 26 Schulen Transportlisten mit lokalem Bezug digitalisiert (Zwilling-Seidenstücker 2020). Mit Beginn der COVID-19-Pandemie und dem damit verbundenen Umzug ins Homeoffice wurde daraus das internationale und öffentlich zugängliche #everynamecounts.* Durch einen Artikel in der New York Times am 3. Juni 2020 (Curry 2020) erhielt das Projekt große Resonanz und konnte im August desselben Jahres bereits 7.000 Freiwillige verzeichnen, die bis Oktober 2020 1,5 Millionen Dokumente transkribierten. Damit konnte #everynamecounts an den Erfolg entsprechender Kampagnen in Archiven insbesondere aus dem angelsächsischen Raum anknüpfen.*
Inzwischen ist das Projekt von Zooniverse auf eine unter der eigenen Domain gehostete zweisprachige Plattform (deutsch/englisch) umgezogen.* Hier kann ohne Registrierung* mit der Erfassung von Dokumenten aus einem der aktuellen Themen begonnen werden. Derzeit (25.11.2024) stehen drei Bestände zur Auswahl: Die Nummern-Namen-Kartei (Männer) – Konzentrationslager Buchenwald (22.283 von 60.000 erfasst), die Auswandererkartei Bremen (40.752 von 90.000 erfasst) und der Central Location Index (CLI) (64.657 von 85.401 erfasst).
Nach einer allgemeinen Einführung mit knappen Transkriptionsrichtlinien („Der wichtigste Hinweis: Schreib alles ganz genau so ab, wie es auf dem Dokument steht.“) wird der gewählte Bestand kurz erläutert.* Anschließend werden Schritt für Schritt die als relevant erachteten Informationen auf dem Dokument strukturiert abgefragt. Bei der Nummern-Namen-Kartei sind dies zunächst Vorname und Nachname, im nächsten Schritt dann Angaben zur Inhaftierung durch Auswahl des Lagers und die Eingabe der entsprechenden Häftlings- und Kriegsgefangenennummern. Über die Hilfefunktion kann jedes Eingabefeld anhand von Beispieldokumenten konkretisiert werden. Wer sich registriert, kann in einem Forum Fragen zu einzelnen Dokumenten oder Themen stellen, sich mit anderen Helfer:innen austauschen und nachträglich auf die bearbeiteten Dokumente zugreifen.
Die Crowdsourcing-Plattform überzeugt durch einen bis ins Detail durchdachten und optimal gestalteten digitalen Prozess: Es ist kein Klick zu viel und keine Information zu wenig. Auch die parallele Darstellung von Scan und Eingabeformular ist gleichermaßen intuitiv, optisch ansprechend und funktional an unterschiedliche Gerätetypen angepasst. So kann die Erfassung einer Karteikarte beim Warten an der Bushaltestelle auf dem mobilen Gerät genauso gut erfolgen wie am Desktop zu Hause oder am Arbeitsplatz. Damit wurde die zentrale Erkenntnis aus dem Einsatz der Zooniverse-Plattform – „Freiwillige ermüden in der Praxis schnell, wenn die Usability zu wünschen lässt“ (Bräu et al. 2021, 178) – bei der Neukonzeptionierung vorbildhaft umgesetzt.
Die Qualitätssicherung basiert auf dem Sechs-Augen-Prinzip: Jedes Dokument wird von drei verschiedenen Personen erfasst und nur dann als gesicherter Eintrag in die Datenbank übernommen, wenn zwei von drei Eingaben übereinstimmen. Bei drei unterschiedlichen Übertragungen überprüft die interne Qualitätsanalyse den Datensatz. Dies ist jedoch nur bei rund 10% der Dokumente erforderlich: „die ‚Crowd‘ macht also eine hervorragende Arbeit“ (Brandt 2024).
Daten-Weiternutzung
Da keine Registrierungspflicht besteht, gibt es weder eine Nutzungsrechtabtretung noch eine Freiwilligen-Vereinbarung. Aufgrund der fehlenden Schöpfungshöhe der erfragten Transkriptionen scheint dies rechtlich unproblematisch.
So überzeugend der Crowdsourcing-Aspekt, so schwierig ist die Beurteilung von #everynamecounts als Text- oder Datenedition. Die Verantwortlichen benennen recht allgemein die Ziele der Arolsen Archives als ‚Informations-Hub‘ bei der Digitalisierung und Online-Zugänglichmachung von Sammlungen: „Neben der digitalen Sicherung von Informationen und Dokumenten für die Zukunft stehen die archivische Indexierung, Erschließung und Kontextualisierung solcher Überlieferungen im Vordergrund, die wiederum Teil sowie notwendige Basis für Projekte im Bereich der Data Science, der Digital Humanities bzw. der Public Science und Citizen Science sind“ (Bräu et al. 2021, 178).
Die in Partnerschaft mit der Gedenkstätte Yad Vashem entwickelte Suchumgebung bietet einen barrierearmen Zugang zu den umfassend digitalisierten Beständen. Sie ist ein Musterbeispiel für ein retrodigitalisiertes Archiv, sowohl was den Umfang, die Suchmöglichkeiten als auch die Benutzerfreundlichkeit betrifft.* Gemäß den Projektverantwortlichen fehlen der Präsentationsumgebung jedoch Schnittstellen, um strukturierte Daten automatisiert in dieses Online-Archiv importieren zu können, und zwar unabhängig davon, ob diese von Archivar:innen, durch maschinelle Texterkennung oder im Rahmen der oben beschriebenen Crowdsourcing-Aktivitäten erstellt wurden.
Die dadurch entstehenden Einschränkungen möchte ich beispielhaft an einem Dokument aus der Akte von NOWAK, ZYGMUNT, geboren am 03.06.1917* erläutern: Dieses Dokument ist Teil des Bestands ‚DE ITS 1.1.5.3 Individuelle Unterlagen Männer Buchenwald‘ mit insgesamt 1.846.212 Dokumenten. Es liefert über den im Titel der Akte vermerkten Familiennamen, Vornamen und das Geburtsdatum hinaus umfassende persönliche Angaben, den Haftgrund (Polit. Pole) und das Datum der ‚Überstellung‘ aus dem Konzentrationslager Auschwitz ins Konzentrationslager Buchenwald.
Eine Suche nach ‚Rollensee‘, dem Geburtsort von Zygmunt Nowak, liefert 27 Personen, aber keinen übereinstimmenden Namen. Auch wenn diese Angabe auf der Karteikarte im Rahmen von #everynamecounts maschinenlesbar erfasst wurde, ist diese Information also bislang nicht in den Suchindex eingeflossen. Eine Suche nach ‚Zygmunt Nowak‘ liefert dagegen 390 Treffer, darunter auch mehrere Übereinstimmungen bezüglich Namen und Geburtsdatum, neben der erwähnten Akte aus Buchenwald etwa den Häftlingspersonalbogen aus Auschwitz mit der DocID: 130806919 (Zygmunt NOWAK).*
Dabei ist jedoch nicht ersichtlich, ob eines, beide oder keines der Dokumente im Rahmen von #everynamecounts bearbeitet wurden. Beim ersten Dokument ließe zumindest der Titel der Akte (NOWAK, ZYGMUNT, geboren am 03.06.1917) vermuten, dass diese drei Informationen möglicherweise im Rahmen des Crowdsourcing gewonnen wurden. Im Titel des Dokuments aus Auschwitz taucht dagegen nur der Name, nicht aber das Geburtsdatum, auf. Wo und von wem Letzteres erfasst wurde, um es in der Ergebnisliste der Personensuche zeigen zu können, bleibt unklar.
Außer bei der Trefferliste ist auch kein Datendownload bzw. Copy/Paste über den Titel des Dokuments oder der Akte hinaus möglich. Nutzer:innen des Online-Archivs müssen deshalb bei beiden Dokumenten den kompletten Crowdsourcing-Prozess wiederholen, ohne von einer möglicherweise bereits erfolgten Erfassungsleistung und der Qualitätssicherung profitieren zu können.
Denkmalprojekt statt Datenedition
Hier werden zwei gegensätzliche Erwartungshaltungen deutlich: Eine datengestützte bzw. data-driven NS-Forschung betrachtet die strukturierten Transkripte als vielversprechende Forschungsdaten. Die Projektverantwortlichen sehen in #everynamecounts jedoch in erster Linie ein Bildungs- und Outreachprojekt. Es ermöglicht einem breiten Publikum einen niederschwelligen Zugang zu historischen Quellen. „Die Dokumente sind nicht nur für Wissenschaftler:innen wichtig, sondern jeder sollte sich ein Bild von dem menschenverachtenden System der Nazis machen können“ (Brandt 2024) . Darüber hinaus bringt das Crowdsourcing-Projekt alle Abteilungen der Arolsen Archives in einen bereichsübergreifenden Dialog. Ginge es bloß um die maschinenlesbare Datenerfassung, gäbe es günstigere Möglichkeiten als die Einbeziehung von Freiwilligen. Diese arbeiten zwar kostenlos, doch die geeignete Quellenaufbereitung und -bereitstellung sowie der Community-Support erfordern erhebliche personelle und technische Ressourcen (Bräu et al. 2021, 183).